Hände halten einen Steinpilz, Waldboden im Hintergrund, weiches Seitenlicht
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Portrait

Guide-Portrait: Ein Mykologe in der Schorfheide

Wer durch die Schorfheide führt und warum Pilze nur der Anfang sind.

Der Mann, der den Wald liest

Martin Keller trägt keine Wanderschuhe, die nach Outdoor-Laden aussehen. Seine sind alt, das Leder hat die Farbe des Waldbodens angenommen. Passt auch, denn Martin verbringt mehr Zeit im Wald als die meisten Menschen in ihren Wohnungen.

Er ist Mykologe. Das heißt: Er hat Pilze studiert, nicht nur gesammelt. Der Unterschied zeigt sich nicht im Korb, sondern in der Art, wie er durch den Wald geht. Er sieht Dinge, die andere nicht sehen — nicht weil seine Augen besser sind, sondern weil er weiß, wonach er schauen muss.

Wie man zum Mykologen wird

Martin hat Biologie in Greifswald studiert, dann eine Doktorarbeit über Mykorrhiza geschrieben — die Symbiose zwischen Pilzen und Baumwurzeln. Ein Thema, das klingt, als wäre es nur für Fachleute relevant. Aber wenn Martin erklärt, wie ein Wald funktioniert, wird schnell klar: Ohne Pilze gäbe es keinen Wald.

Nach der Promotion hätte er in die Forschung gehen können. Stattdessen zog er in die Schorfheide und begann Führungen zu geben. Nicht weil die Wissenschaft ihn langweilte — sondern weil er merkte, dass sein Wissen draußen mehr bewirkte als im Labor.

Was er anders macht

Die meisten Pilzführungen funktionieren nach dem Prinzip: essbar oder giftig. Martin beginnt anders. Er zeigt einen Baum und fragt: was wächst hier und warum? Die Antwort führt über Bodentypen, Feuchtigkeit, Lichtverhältnisse, Jahreszeiten. Der Pilz kommt am Ende, nicht am Anfang.

Das macht seine Führungen länger als andere. Und stiller. Es wird weniger geredet und mehr geschaut. Wer das versteht, kommt wieder.

Ein Morgen in der Schorfheide

Wir treffen Martin an einem Dienstag im September. Treffpunkt ist ein Parkplatz am Rand des Biosphärenreservats, erreichbar mit dem Bus ab Eberswalde. Acht Uhr morgens, der Wald dampft noch.

Die ersten dreißig Minuten sammeln wir nichts. Martin zeigt Baumrinden, Moose, eine Stelle, wo der Boden sich verändert. Er erklärt, warum hier Kiefern stehen und dort Buchen. Warum das wichtig ist für das, was wir gleich finden werden.

Dann der erste Fund: ein Steinpilz, tief im Moos. Martin kniet nieder und zeigt die Stelle. Er erklärt die Verbindung zwischen diesem Pilz und der Buche darüber. Eine Partnerschaft, die älter ist als die meisten menschlichen Institutionen.

Warum wir ihn zeigen

LICHTUNG zeigt keine Guides, um Persönlichkeiten zu vermarkten. Wir zeigen sie, weil das Wissen hinter einem Erlebnis den Unterschied macht zwischen einer netten Tour und einer, die etwas verändert.

Martin ist einer von denen, die etwas verändern. Nicht laut, nicht dramatisch. Aber wer einmal mit ihm durch die Schorfheide gegangen ist, sieht den Wald danach anders.

Das ist es, was ein guter Guide tut. Er zeigt nicht nur, wo die Pilze stehen. Er zeigt, warum.